Blog von Walter Lackermayr & dem Forum der WuidnBuam (und Madln natürlich auch)




Samstag, 12. Dezember 2015

Yosemite - kleine und große Wände


Nachdem ich letztens  in mehreren USA-Ecken kletternderweise unterwegs war, ergab sich diesen Herbst (17.09. - 11.10.2015) endlich die Gelegenheit, nach zehnjähriger Abstinenz die Mutter aller USA-Klettergebiete zu besuchen Yosemite. Praktischerweise konnte ich das mit einer internationalen Konferenz verbinden.



Die Protagonisten:
Ralf Ewers, ein alter Haudegen unter den Sachsenkletterern

Rainer Treppte, Bergführer im Allgäu. Er "machte" vor der Wende "raus", besucht aber mehrmals jährlich seine alte Kletterheimat, das Elbsandstein
Camp 4 - bei der "Rezeption"



... und ich





 Das "Weltkulturerbe" Camp 4 will hart verdient sein. Ohne Schlafen am
Eingang geht beim first come, first served nix. Immerhin ist es der
einzige Zeltplatz, der nicht schon Minuten nach dem Online-Stellen der
 Anmeldung ausgebucht ist - weil man ihn nicht reservieren kann!
Pigs in the Valley


Big-Wall Klettern, einschließlich Technorasseln,erleben im Valley fröhliche Uständ' Gefühl jeder zweite hat so ein fettes weißes Schwein (alias Haulbag) dabei. Das von Rainer, von der Mescalito-Begehung wohl gefüllt, war sogar ein besonders pralles Exemplar. Wir benötigten es allerdings nicht, da wir eher auf schnelle Freiklettereien aus waren. Übrgens: Damit man, trotz living in the dirt,  die Schweine von den Menschen unterscheiden kann, muss man sie ebenso wie die Mit-Zeltinsassen, einzeln anmelden. Sie bekommen dann - Ordnung muss sein! - ihren pig tag

Akklimatisationstouren

Pat&Jack Pinnacle, Knuckleheads 5.10b
Zur Akklimatisation fanden wir es sinnvoll, erstmal an  yosemite-untypischen griffigen Fels anzufangen. Auch hier muss man allerdings zum großen Teil selbst absichern. Aber immerhin darf man - anders als im Elbsandstein - Keile, Friends, ja sogar Chalk verwenden!

 

 

 Fairview Dome Lucky Streaks

Fairview Dome Lucky Streaks 5.10d 6 SL
Wegen der Hitze nehmen mir heute ins 2500 m hohe Tuolomne Meadwows reißaus  und werden auf der ultimative Yosemite Reibung erst einmal in die hiesigen Bewertungsverhältnisse "eingenordet". Selbst "Reibungspapst" Ralf sieht irgendwie nicht ganz locker aus. Zumal auf Reibungsplatten die neu gewonnene Freiheit in Form von Keil- und Friend-Erlaubnis gar nix nutzt ...

Abstieg vom Fairview Dome
Typisch für Tuolomne Meadows sind die riesigen schrägen Granitflächen. Mit Schnee wären dies ideale schwarze Skipisten

Cookie Cliff


Nabisco Wall mit "Wheat Thin 5.10c"
In der "Wheat Thin"
Schaut man auf die Verpackung, wird klar, woher die Bezeichnungen "Cookie Cliff" und "Wheat Thin" kommen. Übrigens: Die "Nabisco Wall" besteht aus den drei benannten Seillängen "Waverly Wafer", "Wheat Thin" und "Butterfingerss"












































Rostrum


 Jetzt ist aber mal Zeit für eine "richtige" Mehr-SL-Tour im Valley. Als Test für Größeres wäh;en wir das "Rostrum North Face". Mit 8 SL und Schwierigkeiten bis 11c in sehr steilem Granit ist dies das Testpiece für den Astroman.

Eine solide Ausbildung in der "Riss-Schule Elbsandstein" ist hier sehr nützlich. Kenntnisse in der Bewältigung aller Rissgrößen, von sehr klein (Fingerriss) bis ganz groß (Schulterriss, enge Kamine) werden getestet.



Ralf macht die "Doppelhand"
Handrissdach


  

Am Ausstieg des "Rostrum"  d.h., neben dem Auto


Royal Arches und North Dome


Die nächste Tour ist zwar nicht so schwer, aber richtig lang. Wir müssen das erste mal richtig früh aufstehen (obwohl, für Alpenverhältnisse immer noch kommod, so um 6:00 ;-)

Wir klettern zunächst an den Royal Arches (links unten) den gleichnamigen Klassiker (5.7, 16 SL), steigen dann weiter zum North Dome (rechts oben), um dort Crest Jewel (5.10d, 8 SL) zu begehen. Zum Ausklang folgt noch eine 10-Meilen-Wanderung zurück zum Camp 4.

Die leichten Einstiegsseillängen der Royal Arches

Um ein Pulk an Trad-Kletterern am Einstieg der Royal Arches zu überholen (die brauchen für diese Route den ganzen Tag, während unsere Zeitplanung 3 Stunden vorsieht), kenne ich eine "Geheimvariante", auf der wir rechts überholen konnten. Die ersten 6 SL klettern wir seilfrei.

Übrigens: Bei den Bäumen im Tal handelt es sich um Sequoias (Mammutbäume). Diese sind sehr groß und täuschen so über den wirklichen Höhenunterschied zum Tal. Sie verstecken auch die mehrere Tausend Touristen, welche im Valley umherwuseln, sowie diverse Dörfer.



Die Reibungskletterei am North Dome, Crest Jewel ist in ihrer Art einmalig. Acht Seillängen schwere und schwerste Reibungskletterei ohne Griffe oder Ausruhpunkte mit nicht zu unterschätzenden Hakenabständen. Meine Fingerkraft ist da ziemlich nutzlos. Zum Glück ist Ralf der "Master of Friction". Allerdings ist er auch ein noch blinderes Huhn als ich, so dass ich ihn häufig von der Sicherungsposition aus zum jeweils nächsten Bohrhaken im Granitmeer navigieren muss








Am Gipfel dann der Half Dome mit seiner NW-Wand. Die 10-Meilen-Wanderung vom North Dome zum Camp 4 ist ein schöner Ausklang und selbst ohne Klettertouren empfehlenswert.  Im Gegensatz zum Valley ist es in den weiten Hochebenen sehr einsam.
  Eine echte Empfehlung, um mal die Seele baumeln zu lassen. Auf den Weg zum Camp Four vernachteten wir dann aber doch noch. Gelobt seien helle Stirnlampen!







Half Dome Regular 5.11a/C1, 19 SL


Es gab diesen Frühsommer einen riesigen Felsausbruch (rotumrandet), welcher die Robbins-Traverse und einen Teil der Kaminreihe mitriss. Gerüchteweise gab es aber bereits eine Umgehung des gepunkteten abgerochenen Routenteils, so dass wir die "Regular" angingen


Wir wählten die "Death Slabs" als Zustieg. Dieser Direktzustieg mit einigen Fixseilen vermeidet eine 11-Meilen-Wanderung fast auf den Half Dome und auf der N-Seite am Wandfuss entlang wieder runter





Im zweiten Bild sind wir kurz vor dem Wandfuß ... so schaut es zumindest aus. Es brauchte aber noch eine halbe Stunde, bis wir da sind.


Ralf in der Hakenleiter der 11.SL
Ralf am "Mantel" in die 11c-Verschneidung

 Am Ende der 11c-Verschneidung (neue 12. SL.) Das hier gezeigte Stück zum Stand der unversehrten Originalroute auf dem Block war leider ohne Bohrzeug oder Skyhooks und anderem Technokram nicht möglich, so dass wir umkehren mussten. Mab beachte die gelbe Ausbruchskante in Bildmitte


Buttermilks


Zur Abwechslung und zur Auflockerung machen wir einen Tripp zu deutlich kleineren Felsen: den berühmten "Buttermilks" bei Bishop Bouldern nahe Bishop. Ralf ist aber weniger motiviert (Felsen zu klein) und packt deshalb seine Fiedel aus.

Treibi bouldert und Ralf spielt Geige  so könnte man eine bekannte Bildunterschrift aus Reinhard Karl's  Kultbuch  über Ron Kauk und John Bachar  umformulieren

Auf den Rückweg kommen wir beim Sportklettergebiet "Owens River Gorge" vorbei.  "No Posing" Es gibt sie noch, die beständigen Dinge!  wie die amerikanische "No Posing" Prüderie. (Wie immer, machen genau die Dinge am meisten Spaß, die verboten sind;-) Man beachte aber den in  22 Jahren stattgefundenen graduellen Anstieg der Höflichkeit ;-)

Astroman


Ralf in der 2. SL (5.10b)
Nach der Rückkehr ins Valley gehen wir unser erstes Highlight an: Washington Column, Astroman 5.11c, 12 SL. Obwohl nominell der gleiche Grad wie "Rostrum" und nur 4 SL länger, ist Astroman ein anderes Kaliber. Jede Seillänge bis auf die erste ist schwer, viele haben einen außergewöhnlichen Charakter wie die "Endurance Corner" (3.SL), "Harding Slot" (7. SL), "Changing Corners" (10. SL) und zum Schluss die gefährliche Headwall (12. SL), in der der Fels von bombenfesten Rissen plötzlich in eine schuppig-bröslige Wand mutiert. Nicht zu vergessen der komplizierte North-Dome Gully Abstieg. (Als ultimative Ausdauerpunpe könnte man natürlich auch den North Dome und die 10-Meilen-Wanderiung anschließen ;-)

Ralf geht den "Harding Slot" an

Sonst stieg ja alles Schwere ich vor, aber bei der 7. SL, dem berühmt-berüchtigten "Harding Slot", ließ ich Ralf den Vorstieg, da er im Oberkörper beweglicher ist als ich üblicherweise macht man diesen Spalt linksgängig (d.h. linke Schulter rein). Ralf versucht sich an einer noch anstrengenderen Variante, der vermutlichen "Erstbegehung" rechts rum. Eine Stunde steckt er im Spalt, kreucht, zappelt und keucht. Die gute Nachricht: Er kann nicht abstürzen. Die Schlechte: Er kommt nicht weiter... Im Nachstieg  entdecke ich eine für Sachsen recht gutgängige Schulterrissvariante außen herum (im Führer steht auch was von einer Hangelvariante 5.11+ R/X, die ginge aber nicht im Vorstieg)

Wieder mal oben. Glücklich dem Harding Slot entronnen!

Moratorium


Der einzige griffige Fingerriss
Ralf ist sichtlich angestrengt ...
Nach dem doch recht anstrengenden gestrigen Tag machen wir heute was Kurzes: Moratorium (5.11, 4 SL) am Schultz Ridge. Es stellt sich allerdings als extrem technische Angelegenheit mit riss- und haltlosen rechtwinkligen Verschneidungen mit Sicherung an Mikrokeilen heraus - so richtig Old School

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

El Capitan East Buttress




am letzten Tag von Ralf's Aufenthalt machen wir mal zur Abwechslung eine Genusstour  und eine erste Annäherung an den "Chef" im Tal: El Capitan East Buttress (5.10a, 11. SL). Ein Klettertraum! Bis auf die Einstiegs-SL hat diese Tour klassisch-alpinen Charakter ohne spezielle Risskletter-Anforderungen. Allerdings: "bis auf ...!" Die Einstiegs-SL ist nämlich ein "polished flared offwidth". Jeder Kletterer wendet sich beim gleichzeitigen Vorkommen dieser drei englishcen Wörter mit Grausen. Aber es hilft ja nix ...  Wir müssen auch fix sein, da Ralf's Flieger morgen fliegt. Null Problemo: in 4:15 waren wir oben


Ralf sichert relaxed


wieder mal oben!




Wander-Ruhetag


Lost Arrow Line, die "Mutter  aller Highlines"


Blick vom Käpt'n auf die El Cap Meadows
Ehe Rainer aus Kanada kommt, mache ich einen Ruhe-Wandertag: Zunächst wandere ich den Yosemite Falls Trail rauf zum Lost Arrow, dann 6 Meilen weiter zum großen Käpt'n selbst und die "East  Ledges" mit mehrmaligen Abseilen zurück zum Camp Four.


Solo am Higher Cathedral Rock


Einstieg
Rainer ist gesundheitlich noch etwas angeschlagen und auch noch nicht da, so erfülle ich mir einen großen Traum und klettere solo den mir bereits bekannten Northeast Buttress (5.9, 11 SL) auf den Higher Cathedral Rock (ca. 2 h) und das Braille Book (5.8, 8 SL, 50 Minuten von Einstieg zu Einstieg)


Eine Stunde später
Zur Seilschaft unter mir: Eigentlich steigt man als Seilschaft Mittags nicht mehr in diese 11-SL-Tour ein. Die beiden Japaner unter mir machen's trotzdem Beim Abstieg von meiner zweiten Tour sehe ich sie dann vernachten ...





Zu den Touren mit Seppo, Daniel (Bachar Yerian)  und Rainer (El Capitan West Face und Worst Error Rock, Hotline) siehe mein folgendes Blog!


Dienstag, 21. Oktober 2014

Rien ne va plus

Die Seile verzwirbeln sich hinter dem Heli während der im Steilflug nach Corvara abtaucht. Dreißig oder vierzig Meter Seil müssen das sein. Sieht eigentlich sehr schön aus, das gelbe und das blaue Seil. Es erinnert mich an den Antrieb des Unterwasserfahrzeuges der Jedi Ritter in Episode One: "There is always a bigger fish!" Schon irre was man so alles denkt in so einer Situation. Es ist Minute fünf einhalb von sechs. Sechs Minuten dauerte Rettung seit der Heli angeflogen ist. Aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Zeitgefühl Fehlanzeige. Ich hab Angst, eines der Seile, die noch an meinem Gurt festgeknotet sind, könnte sich um meinen Fuß wickeln, den ich mit einer Hand halte damit er nicht hinunterfällt. Jetzt seh' ich unter mir die Wiese. Die Seile schleifen über das Gras. Der Boden kommt näher. Helfende Hände. Gleich wird's besser, alles wird gut.


Alles hatte so gut angefangen. Vor einer Woche waren wir zu dritt in den Dolomiten unterwegs. Wir haben eine easy Bolthopping Route geklettert und viel Spaß gehabt. "Re Artu" hieß das Teil, VII, viele Bolzen, sehr empfehlenswert.


Dann, völlig abgedreht, quer durch die Dolos zur Rotwand.


"Moulin Rouge", eine klassisch von Christoph Hainz erstbegangene Route im unteren neunten Schwierigkeitsgrad. Die Absicherung erfolgt ausschließlich an Normalhaken, auch an den Ständen. Für meinen Geschmack aber durchaus ausreichend.


Wegsteigen muss man schon, und mal die richtige Linie finden. Wieder als Dreierseilschaft, diesmal darf ich vorne sein, und es läuft echt gut. Keinen Gedanken verschwende ich daran ob ich gut gesichert werde, ich weiß dass es so ist. Bessere Kletterpartner habe ich nicht und brauche ich auch nicht. Oben mit zwei Freunden, ich bin einfach glücklich.



Eine Woche später, Joo ist diesmal nicht dabei, wir sind zu zweit. Erst mal Abenteuer in der Vinatzer Verschneidung an der Mugonispitze.


Obwohl nur mit V+ und VI- bewertet ist das Teil echt knackig, schwer und ziemlich ernst. Es steckt wenig schlechtes und gar kein gutes Material, auch an den Ständen ist das so. Trotzdem oder gerade deswegen saugut. Genau das wollen wir ja eigentlich. Es gibt nichts Erfüllenderes.



Am nächsten Tag, wir sind ans Grödner Joch gewechselt, zum Entspannen die "Ottovolante" am Bruneckerturm. Vor Mittag steigen wir mittlerweile grundsätzlich nirgends ein. Dafür mit 80 Meter Seil, dann ist man auch schnell durch. Perfekter VIII+ On-Sight! Entspanntes höher Turnen an bestem Fels mit perfekter Absicherung. Schon auch geil. Aber irgend etwas fehlt.


Also lieber wieder Abenteuer: Die herausgesuchte Tour entpuppt sich als ziemliches Luder. Wenn der Berg schon "westlicher Turm der Meisules della Haumichtot" heißt... Michi, was hast uns denn da hinterlassen? Schon die erste Länge mit IV+ birgt nicht gerade das, was man so unter "gut reinlaufen" versteht. Nach  dreißig Metern mit zwei Wacklhackln eine Drecksquerung dahin wo vielleicht ein Stand kommt oder aber auch das Nirvana wartet hätte bestens in den Kaiser gepasst, z.B. in die Dülfer. Da wär's dann mit VI E4 bewertet. Die zweite Länge wird nicht besser aber dafür schlechter: Überhängend mit Wackelhackerl Richtung eines Risses der nichts Gutes verspricht. Ich habe nicht die geringste Lust hier und heute in dieser Tour zu verunfallen. Deshalb klettere ich wieder zum Stand zurück und wir seilen ab. Wo wir wieder ebenen Boden unter den Füssen haben eine Gedenktafel: Da haben sich wohl zwei schon mal anders als wir entschieden und es ist nicht gut ausgegangen. Gibt mir zu denken. Bergsteigen is a Risikosport.



Wir lassen's uns in der Sonne am Auto gut gehen und zumindest ich halte mal wieder den Rest der Welt für blöd weil der Rest der Welt das alles nicht macht was und wie wir das so machen. Deswegen mögen mich so viele nicht. Zum Glück nicht alle.
Der nächste Tag bringt nicht so richtig stabiles Wetter. Also wieder das Achtzigerseil auf den Rücken, so gegen Mittag hinauf zum Brunecker Turm. Aquafun: VII-, elf Seillängen. Wir machen fünf Seillängen draus und stehen nach zweieinhalb Stunden mal wieder oben. Wer eine Henkelphobie hat, riskiert in dieser Tour echt traumatisierende Erlebnisse.


Noch ein Tag gutes Wetter ist angesagt: "Rien ne va plus" am Sas Ciampac ist unser Begehr. Die Route verläuft über den gelben, überhängenden Pfeiler links der klassischen Adang-Führe.



Erst vorletztes Jahr von Christoph Hainz eröffnet und eingerichtet, wartet die Route noch auf die erste On-Sight-Begehung. Plan? Plan!


Die Sonne scheint mir ins Gesicht, das Steinchen entscheidet, dass Teresa die erste Länge haben darf. Wir haben gehörigen Respekt vor dieser Tour: 14 Seillängen bis IX-, kaum eine Länge unter Acht, und bei Christoph Hainz ist Klettern angesagt und nicht so viel Clippen.


Die erste Länge überrascht: Weniger brüchig als es aussieht und eigentlich ganz gut mit Bohrhaken abgesichert. Die zweite Länge ist ein Traum. Die dritte ebenso. Alles irgendwo im siebten Grad.



Dann ist Schluss mit lustig, jetzt kommt keine Länge mehr unter dem achten Grad. Aber die Kletterei ist genial, es läuft einfach. Vom Stand weg "guter Griff da" ist schon mal ziemlich gut. Wenn ich mich daran erinnere muss ich in mich hineinlächeln.


Dann die erste 9er Länge. Ein Rechtsquergang. Eigentlich genau mein Wetter. Teresas übrigens auch: Wir tun uns beide mit Quergängen nicht so schwer. Aber der hier ist echt giftig. Den ersten Bolzen kann ich ganz gut anklettern. Dann mutig weiter. Teresa feuert mich an, ok, ich probier's, ist ja immerhin noch alles im on sight. Aber dann muss ich echt weit weg von dem zweiten Bolzen, und das geht wirklich nicht gut. Noch'n Versuch: Noch weiter nach rechts, verdammt, das ist jetzt aber weit weg vom Bolzen und der nächste ist noch immer drei Meter über mir. Jetzt keinen Fehler, das würde nicht gut gehen! Ich erkenne ein seichtes Loch für zwei Finger, das klettere ich an. Mit links will ich klippen, wäre aber fürchterlich überstreckt. Ich mach das lieber safe. Den linke Fuß noch ein kleines Stück höher, da ist noch eine Leiste, jetzt geht's auch nicht so überstreckt. Der Karabiner klippt ein. Irgend etwas stimmt plötzlich nicht mehr, der recht Fuß ist instabil, schon geht's dahin. Die Express greifen? Selbst wenn ich mich dazu entschieden hätte, mit Links hätte ich wohl nicht genug Kraft gehabt mich daran festzuhalten. Abwärts. Weit. Dann der gefürchtet Pendler. Irgendwo klatscht's mich an die Wand. Noch beim Zurückpendeln sehe ich meinen Fuß grotesk neben dem Sprunggelenk im 90° Gradwinkel nach rechts außen abstehen. Ein Knochen steht böse unter der Haut raus wo das Sprunggelenk normalerweise sein sollte, auf der anderen Seite schaut ein anderer Knochen noch böser aus einem ziemlich großen Loch aus meinem Bein raus. Aus diesem Loch spritzt mein Blut in fingerdickem Strahl die Wand voll an der ich gerade entlangfliege. Ich greife sofort den Fuß weil ich Angst habe dass er die Wand runterfällt und bringe ihn mit Gewalt in die Stellung wie ich meine dass er gehört. Vielleicht so ein bisschen in der Hoffnung "Ich hab's repariert, klettern wir weiter!". Ich pendle zig Meter hin und her, versuche irgendwas zu greifen. Mein Fuß fällt sofort wieder runter und baumelt neben dem Bein hin und her. Nix mit repariert. Ich brülle rauf: "Verdammt, der Fuß ist total kaputt!!" Also greife ich ihn wieder. Teresa schreit irgendwas das sich nicht gut anhört. Ich muss zum Stand. Keine Ahnung wie das ging. Ich bekomme ein Seil zu greifen, hangele mich hoch, greife nach Teresa, bin am Stand. "Schnell, fixieren! - Mich! - Am Stand!"


Macht sie doch schon. Dann will sie mein Handy, wir haben nur eins dabei. Sie ruft die Rettung. Ich gebe, an welche Verletzungen ich glaube zu haben und quatsche was von "die müssen schnell machen wegen Blutverlust, lebensbedrohlich!". Teresa kann das glaube ich nicht sehen: Aus dem Loch wo der Knochen rauskommt schaut die Schlagader raus und spritzt mit jedem Herzschlag die Wand neben mir voll. Scheiße. Und dann tut das alles auch noch weh.  Weichei. Mittlerweile hat Teresa gesehen, dass das mit dem Bluten nicht gut ist. Sie drückt mir in der Kniekehle die Arterie ab und das Spritzen hört auf. Gut gemacht. Trotzdem suppt es immer noch raus. Viel zu viel. Ich krieg mit, dass mir das gar nicht mehr so richtig gut geht. Auf einmal klappt das mit dem Sprechen auch nicht mehr so recht. Das Leben rinnt mit meinem Blut aus mir raus und die Wand hinunter wie der letzte Schluck Schnaps aus der Flasche in die Kehle und den Schlund eines Alkoholikers hinunter. Komischer Weise denke ich gar nichts Schlimmes. Ich hab nicht mal Angst. Ich kralle mich an die gelbe Jacke und ans Leben und will weder das eine noch das andere jemals wieder loslassen. Schlicht die Kraft es zu tun lässt langsam nach. Immer noch keine Angst. Im Gegenteil: Wenn's nicht so grotesk wäre und nicht so weh tun würde wär's eigentlich ganz ok. Selig wer in seinen Träumen sterben darf. Ich bin in meinem Traum. Zwanzig Minuten dauert es bis der Heli da ist. Die Bergung dauert sechs Minuten. Alles dokumentiert von einem Hobbyfotografen am Wanderweg. Bis auf einen halben Meter fliegt der Pilot an die Wand ran. Den Retter batscht's ganz schön an die Wand bis wir ihn endlich greifen und zu uns ziehen können.  Seile durchschneiden. Wegfliegen. Scheiße, ein Seil ist noch am Stand fest, das andere Ende an mir. Wieder zurück. Diesmal klatscht's mich als Polster an die Wand. Egal, ich bin eh schon verletzt. Dann taucht der Heli ab Richtung Corvara.


Donnerstag, 11. September 2014

Planspiele: Aguille Noire Südgrat

 
 
 
 
Der Südgrat der Aig. Noire ist schon ein echter Brüller, und je eingehender man sich damit befasst, um so größer, steiler und auch schöner wächst dieses Trumm Stein in den Himmel über dem Monarchen. Dabei ist es nur der Auftakt zum Weg auf dessen Haupt, dem Peuterey Integrale.
Letztes Jahr waren wir schon einmal hier. Allerdings brachen wir unseren Versuch ziemlich abrupt in der Scharte nach der Point Welzenbach ab: In der Nacht hatte sich der oberste Teil der Südwand recht eilig und mit lautem Getöse hinunter in den Feuileton des Allemands aufgemacht. Der oben gebliebene Rest hörte nicht auf mit Steinen hinterher zu werfen. Als dann auch noch bereits um Acht Uhr in der Früh die ersten Gewittertürme nach oben schossen, haben wir uns entschieden, lieber auf dem schnellst möglichen Wege von dort zu verschwinden: Nix wie weg und zwar schnell!
Allerdings brachte uns dieser Versuch doch eine Menge nützlicher Erfahrung und Infos: Zum Beispiel dass wir zu langsam waren, weil wir unbedingt mit den Bollerschuhen klettern wollten. So ein Schmarrn. Ein weiteres, nicht zu verachtendes Detail: Wenn man alle greifbaren Routenbeschreibungen zusammenwirft und richtig wieder zusammensetzt hat man eine kleine Chance die eine oder andere Kletterstelle wieder zu finden. Es ist allerdings auch gut möglich eine völlig falsche Beschreibung zusammen zu stopseln. Da wird zum Beispiel in einem sehr beliebten Buch mit vielen schönen Topos schon mal ganz locker die linke mit der rechten Gratseite verwechselt, hier eine oder auch mehrere Seillängen weggelassen und dafür an anderer Stelle einfach wieder dazu gebastelt.
 
 
All das und noch viel mehr ließen wir einfließen in unsere Planung. So sitzen wir diesmal im 911er im Val Veny, der Blick durch die Dachluke über meinem Bett streift vom Vorbau des Noire Südgrates bis hinüber zur Südseite der Grand Jorasses. Jo lässt sich's schmecken.
 

 
Wir planen, was wir dieses mal anders machen wollen: Diesmal besser mit Kletterschuhen, und zwar gleich von Anfang an. Auch die Nacht auf der Borelli Hütte wollen wir uns sparen. Lieber noch ein Stück hinauf zu den Biwakplätzen unter der Point Bifide. Mehr Wasser mitnehmen als letztes mal. Je mehr wir besprechen, um so klarer werden die Formen unseres Planes. Die Ausrüstung, wie viele Riegel für wie viel Zeit, an welchem Tag wollen wir was essen und und und. So ein Plan ist eine faszinierende Sache: Man wirft ihn sich gegenseitig immer wieder zu, jeder verändert etwas daran, und plötzlich entwickelt der Plan sein eigenes Leben: Er passt sich immer mehr den wahrscheinlichsten Szenarien an, er verändert dein Denken und Empfinden, und dann ganz plötzlich diffundiert er hin zur Realität: Um halb acht laufen wir gemütlich los.
 
 
 
Wir lassen uns Zeit, sammeln unterwegs noch einige Kristalle ein, genießen die Morgenstimmung über dem Val Veny. Beim Planen haben wir grammweise das Gewicht reduziert, und jetzt stopfen wir uns fast Kiloweise Steine in die Taschen. Logik geht anders. Trotzdem sind wir schon nach knapp zwei Stunden an der Borellihütte. Wir lassen sie rechts liegen und gehen den Feutillon des Allemands hinauf. Nach einem Frühstück in der Morgensonne steigen wir schon um halb elf ein.
 



 
Die Kletterei geht mit den Kletterschuhen schon viel besser als mit den Bollerschuhen. Wir klettern gleichzeitig und fühlen uns wohl dabei. Klettern und ratschen, einfach so dahin steigen. Herrlich! Mittags erreichen wir die Biwakplätze unter der Point Bifide. Letztes Jahr waren wir etwa zur selben Zeit hier, allerdings sind wir da um drei Uhr an der Borellihütte aufgestanden. Wir sollten heute noch locker zum unserem Biwakplatz vom letzten Jahr auf der Point Welzenbach kommen. Also weiter!
 
 
Vor dem Gipfelaufbau der Point Bifide beschließen wir uns doch mal anzuseilen: Sonst machen wir das heute gar nicht mehr, und wir wissen dass uns schon noch ein paar schwerere Seillängen erwarten.
 
 
Trotzdem kommen wir recht gut voran und erreichen kurz vor fünf den Biwakplatz unter dem Gipfel der Point Welzenbach.
 
 
Der Abend wird gemütlich. Die Nacht leider nicht so: Es graupelt und alles wird nass. Mich friert's schon erbärmlich. Dem Jo geht's nicht besser. So kommen wir am nächsten Tag auch nicht so wirklich früh weiter: Wir trocknen erst einmal die feuchten Sachen in der Morgensonne.
 
 
 
Dafür können wir die Kletterei auf den nächsten Turm in der Sonne genießen. Leider hüllt sich auch heute die Noire bald wieder in Wolken, und so sollten es die einzigen Sonnenstrahlen bis zum Abend bleiben.
 
 
Die Kletterei ist trotzdem gut, wird immer steiler und aufregender. Etwas kalt halt ohne Sonne.
 
 
Da wir nicht sicher sind auf dem Gipfel der Noire noch gute Biwakplätze zu finden, bleiben wir kurz unterhalb des letzten Turmes, da gibt's zwei schöne Liegeplätze für uns!
 

Kalt ist's schon, aber diese Nacht wenigstens trocken.

 

 


 
Am nächsten Morgen erwarten uns nur noch zwei leichte Seillängen und ein fieser Riss auf den Gipfel des letzten Turmes.
 
 
Der Blick zur Südflanke der Aig. Blanch macht uns die Entscheidung leicht: Bei diesen Verhältnissen schaffen wir es kaum schnell genug bis auf den Mt. Blanc. In zwei Tagen sind -12° Mittagstemperatur auf 4.500 mtr. voraus gesagt, und danach Schneefall. Genau da wären wir auf dem Weg zu Gipfel. Zu kalt, zu viel Risiko. Auf der Nordseite hat die Jorasses inflationär gute Bedingungen, die Colton Mc Intire bekommt in zehn Tagen mehr Begehungen als sie bis dahin überhaupt hatte. Für unser Vorhaben hier auf der Südseite sind die Verhältnisse mehr katastrophal denn inflationär. Schade.
 
 
Der spannendste Teil des Tages kommt erst noch: Der Abstieg durch die Südflanke und den Ostgrat.
 
 
 
Zum Teil recht heikle Abkletterei in steilem Bruchhaufen. Abenteuer pur.
 
 
Weiter unten gibt's ein paar Abseilstellen, aber auch die wollen erst einmal gefunden werden.
 
 
Das Material ist auch nicht unbedingt ganz taufrisch. Eine Prise Fatalismus schadet hier nicht. Zu viel davon macht den Abstieg allerdings auch gleich wieder fatal.
 
 
Nach sechs Stunden haben wir wieder festen Boden unter den Füssen und sind auch ganz froh drum.
 
 
Anderntags lassen wir's uns -wie könnte es auch anders sein- schon wieder gut gehen. Ein Topo ist bereits skizziert, auch vom Abstieg, und wartet nur noch auf die Ausarbeitung. Dann natürlich mit genauer Beschreibung hier.